Manuel Nikolic ist Österreichs vielversprechendster Schiedsrichter in der heimischen Eishockeyliga. Im OÖN-Gespräch spricht der 26-Jährige über Spiele in Linz, die Konsequenzen von Fehlern und warum er es nie bereut hat, Referee zu werden.

Manuel Nikolic. Ein Name, der wohl nicht nur den eingefleischten Eishockeyfans in Österreich ein Begriff ist. Der 26-jährige Innsbrucker leitet ab morgen wieder etliche Spiele in der Erste Bank Eishockeyliga. Manchmal gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Kristijan. In der Vorsaison durfte der Tiroler sogar vier AHL-Spiele in Nordamerika leiten.

OÖN: Herr Nikolic, wie war Ihr Sommer? Wie bereitet man sich als Referee auf eine neue Spielzeit vor?

Manuel Nikolic: Die ersten zwei, drei Wochen nach der Saison habe ich mir frei genommen. Danach fängt man langsam wieder an. Mit einer täglichen Laufeinheit beispielsweise. Oder mit Einheiten im Fitnessstudio. Dazwischen war ich dann noch einmal eine Woche mit meiner Freundin auf Urlaub. Wir haben in der Nähe von Innsbruck heuer erstmals eine Ganzjahres-Eishalle nutzen können, so konnte ich zweimal pro Woche auf’s Eis.

Offenbar sind die körperlichen Anforderungen an Schiedsrichter sehr hoch.

Ja, das ist definitiv so. Es wird von Jahr zu Jahr fordernder. Vor allem, weil das Spiel immer schneller wird. Und da sollte man als Referee mit dem Niveau mitgehen. In der Vorsaison habe ich in Kanada einige NHL-Referees getroffen. Und ich muss sagen, die Burschen sind brutal durchtrainiert. Die Hauptschiedsrichter da drüben sind wendiger und flexibler. Die Assistenten an der Bande kommen oft in Berührung mit den Spielern, deshalb sind sie generell stärker.

Was ist der Unterschied zwischen EBEL und der nordamerikanischen AHL?

Dort wirkt sich die kleinere Eisfläche schon auch auf die Schiedsrichter aus. Alles geht viel schneller, es ist viel enger, und du hast weniger Zeit, um Entscheidungen zu treffen. Wenn du da drüben bestehst, bist du wirklich gut.

Zurück nach Europa. Blicken wir zurück auf die abgelaufene Saison. Wie zufrieden waren Sie mit sich selbst?

Die letzte Saison war meine zweite, in der ich bis ins Finale gekommen bin. Damit war ich natürlich sehr zufrieden. Aber ich lerne immer noch dazu, ich bin ja mit meinen 26 Jahren noch nicht am Zenit angekommen. Es gibt noch Luft nach oben.

Im Playoff gab es von mehreren Seiten Kritik an den Schiedsrichtern – speziell nach dem Stockwurf von Salzburg-Goalie Rieksman bei einem KAC-Penalty in Spiel 7. Wie geht man in dieser Zeit des Jahres mit der Kritik um?

Ich persönlich schaue zum Beispiel nicht oft auf Facebook. Weil ich mich nicht narrisch machen lassen will von den Leuten. Da setz‘ ich mich lieber hin und analysiere das Spiel mit den Video-Aufnahmen, die wir nach jedem Spiel bekommen. Da schaue ich mir dann an, was falsch war und wie ich mich verbessern kann. Das hilft mir persönlich am meisten.

Wenn Sie in einem Spiel einen Fehler machen, wie gehen Sie danach damit um? Gibt es Konsequenzen?

Wenn man gravierende Fehler macht, kann es sein, dass es vonseiten der Liga Konsequenzen gibt. Ansonsten aber eher nicht. Wir analysieren das dann und besprechen die Fehler mit Lyle Seitz (DOPS-Chef und oberster Schiedsrichterbeobachter, Anm.), der uns dann auch Tipps gibt. Manchmal schauen sich auch Ex-NHL-Schiedsrichter unsere Spiele an und geben uns dann Ratschläge. Schiedsrichter zu sein ist oft nicht einfach. Aber mit einem gesunden Selbstbewusstsein und perfektem Regelverständnis kommt man schon durch.

Und wenn einen nach einem Fehler 5000 Fans auspfeifen?

Mir persönlich tut das nichts. Ich nehme mir das nicht zu Herzen. Wenn ein Fehler passiert, muss man die Größe haben, sich diesen einzugestehen und die Situation abzuhaken.

Haben Schiedsrichter eigene Taktiken, mit denen sie in ein Spiel gehen?

Es gibt gewisse Taktiken. Man stellt sich auf das Spiel ein und schaut sich an, mit welchen Spielern man es zu tun hat. Die Charaktere sind sehr unterschiedlich. Und bei ein paar müssen wir eben öfter und genauer hinschauen. Am wichtigsten ist aber, bereit für das Spiel zu sein und motiviert zu starten. Wir sprechen uns meistens vorher ab, wer welche Bereiche übernimmt, um möglichst viel zu sehen und nichts zu übersehen.

Wie geht man mit den Schwalbenkönigen im Eishockey um?

Hauptsächlich geht es um die Erfahrungen, die man in der Vergangenheit mit dem Spieler gemacht hat. Das heißt nicht, dass man jemanden voreilig verurteilt – aber es ist eine Skepsis. Das gilt nicht nur für Spieler, die leicht fallen. Man merkt sich auch, wie hoch der Spieler die Ellbogen bei einem Check üblicherweise hat.

Wie und ab wann bereitet sich ein Eishockeyschiedsrichter auf ein Spiel vor?

Wichtig ist, am Vortag früh genug ins Bett zu gehen, weil die Distanzen in der EBEL schon sehr lang sein können. Ich gehe morgens gerne joggen. Nach einem Frühstück und einem Mittagessen legt man, wenn es die Zeit erlaubt, noch einen Power-Nap ein und bricht dann zum Spiel auf. Sobald man in die Halle kommt, beginnt die Konzentrationsphase. Jeder wärmt sich vor einem Spiel zuerst individuell auf und dann spielen wir meistens noch eine Runde Fußball. Danach ziehen wir uns um und dann geht’s eh schon auf’s Eis.

Sie kennen alle Hallen in der Liga sehr gut. Wie ist es, in Linz zu pfeifen?

Also meine persönliche Meinung ist, dass die Stimmung in Linz am besten ist. Die Mannschaft ist sehr professionell. Man kennt die Spieler und man weiß, wie man mit den Trainern umgehen muss. Ich weiß, dass Spieler und Trainer sehr emotional sein können – eben wegen der Stimmung.

Kennen Sie „Eddie the Chicken“?

Das Huhn, das da immer reinfliegt? Ja, den kenn‘ ich. Eddie heißt der also (lacht). Gut zu wissen. Da muss ich schon immer ein bisschen schmunzeln. Weiter nachdenken tu‘ ich drüber aber nicht.

Was macht Ihnen die Arbeit leicht und wann wird’s schwierig?

Also die Fans beeinflussen die Schiedsrichter überhaupt nicht – das ist meine persönliche Erfahrung. Aber die Spieler können es einem sehr schwer machen. Wenn es etwa nach jedem Pfiff Diskussionen und Reibereien gibt. Je mehr Emotionen dabei sind, desto schwieriger wird das Spiel. Dann heißt es ganz genau schauen, weil Kleinigkeiten die Atmosphäre anheizen können. Und schließlich sind wir dazu da, dass es fair und sicher bleibt.

Hatten Sie jemals Angst, die Kabine zu verlassen?

Nein, in der EBEL noch nie. Früher habe ich einmal ein Derby zwischen Feldkirch und Dornbirn geleitet – da passierte aber schlussendlich auch nichts. Gott sei Dank. Ich weiß, dass Kollegen im Vorjahr einmal eine Polizei-Eskorte bekommen haben (nach Spiel 5 der Black Wings in Bozen, Anm.), diese aber nicht gebraucht hätten.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie Schiedsrichter werden wollen?

Mal kurz nachrechnen. Das ist jetzt meine elfte Saison, also haben wir 2005 angefangen. Zuerst mein Zwillingsbruder, dann ich. Als wir noch Kinder waren, haben wir uns das Taschengeld damit etwas aufgebessert. Zu der Zeit haben mein Bruder und ich Eishockey gespielt, Fußball gespielt und mit dem Pfeifen begonnen. Und irgendwann mussten wir uns entscheiden. Es war eine der besten Entscheidungen in meinem Leben.

Haben Sie es jemals bereut, Schiedsrichter zu werden?

Nein, eigentlich nicht. Es ist wie in jedem Beruf – manchmal hast du einen guten Tag und manchmal hast du einen schlechten. Passiert ein Fehler, kann man meistens eh nichts daran ändern. Ein Spieler denkt von Wechsel zu Wechsel. Und wir probieren auch von Situation zu Situation zu denken.

Es ist etwas Besonderes, dass auch Ihr Bruder in der EBEL im Einsatz ist. Manchmal sogar mit Ihnen gemeinsam. Kennen Sie ein anderes Zwillingspaar in der Eishockey-Schiedsrichterwelt?

Ich war jetzt wirklich viel unterwegs – in Europa und Nordamerika. Und bis jetzt kenne ich kein anderes Zwillingspaar.

Ist es etwas Spezielles, mit Ihrem Bruder ein Spiel zu leiten?

Ja, es ist schon cool, mit meinem Bruder zu pfeifen. Wir haben immer alles gemeinsam gemacht. Wir haben zusammen in der Mannschaft gespielt – egal ob Fußball oder Eishockey. Wir haben beisammen gewohnt, wir haben einmal im selben Unternehmen gearbeitet, und der Schiedsrichter-Werdegang war immer der gleiche bei uns. Und natürlich ist es dann die Spitze des Eisbergs, wenn ich wie in der Vorsaison ein Halbfinalspiel mit Kristijan pfeifen darf.

Wie ist das Ansehen der österreichischen Schiedsrichter in Europa?

Die Liga wurde immer professioneller. Und mit den Mannschaften haben auch wir uns mitentwickelt. Der Respekt, der uns von den meisten Spielern und Trainern in der EBEL entgegengebracht wird, ist eine Seltenheit in Europa. Das gibt’s wirklich nicht überall. Das kommt einerseits von gewissen Verhaltensregeln, die von der Liga eingeführt wurden. Und andererseits von unserer Arbeit selbst. Viele ausländische Schiedsrichter kommen zu uns und holen sich Tipps.

Was ist Ihr persönlicher Traum?

Dadurch, dass ich im Vorjahr vier Spiele in der American Hockey League leiten durfte, wäre es mein Traum, einmal eine NHL-Partie pfeifen zu dürfen.

Manuel Nikolic – entweder, oder:

Aufbleiben oder früh aufstehen? Früh aufstehen!

Bier oder Wein? Bier!

Rapid oder Austria? (Überlegt) Äääääh Rapid!

Film anschauen im TV oder im Kino? Eher im TV!

Sommer oder Winter? Winter!

Schnitzel oder Käsespätzle? Schnitzel!

Quelle: „http://www.nachrichten.at/sport/wintersport/eishockey/Manuel-Nikolic-Es-gibt-noch-Luft-nach-oben;art193191,2342035“