Foul oder nicht Foul? Von einer Seite stehen die Unparteiischen immer in der Kritik. Für Danny Kurmann ist das nichts Neues. Er arbeitet seit 17 Jahren als Profi-Schiedsrichter und hat in dieser Zeit einiges erlebt. Im Interview mit hockeyfans.ch spricht er über Zeitungskritik, Probleme der schweizerischen Schiedsrichtersituation und über seine persönliche Zukunft.

Danny Kurmann, nach den ersten Halbfinalpartien in Zürich und in Bern stehen die Schiedsrichter in der Kritik. Aus Bern beispielsweise hört man, dass die Schiedsrichter ihre Linie verlassen haben. Wie beurteilen Sie das?

Kurmann: Während einer Partie verändert sich die Situation ständig. Die Teams spielen anders. Physischer oder mit mehr Emotionen. Beispielsweise versucht ein Team einen starken Torhüter zu beeinflussen. Mit Provokationen oder Ähnlichem. Wenn ein Team in Rückstand ist, verändert ihr Trainer die Taktik. Sie spielen anders. Darauf müssen wir Schiedsrichter reagieren. Eine Linie ist gut. Sie muss aber auch auf die Situation angepasst werden.

In den Medien, und scheinbar vor allem in Genf, war die Kritik nach dem ersten Halbfinalspiel gross. Wie gehen Sie als Referee mit solchen Äusserungen in Zeitungsartikeln um?

Kurmann: Ich lese Zeitungen. Diese sind eine Art Supervisor. Sie berichten über meine Arbeit und da kann konstruktive Kritik positiv sein. Auch Fan-Kommentare, wenn sie nicht emotional aber fair sind, können gut für mich sein. Die Aussenwahrnehmung ist eine andere Sicht auf die Geschehnisse und die kann mir bei einer anderen Situation helfen. Und so kenne ich auch ein paar Journalisten, deren Fachwissen ich als gross einschätze. Und wenn sie mich kritisieren, dann schaue ich mir das auch an.

Aber mit allen Kritiken dürften Sie nicht zufrieden sein, oder?

Kurmann: Es ist wichtig, die richtigen Zeitungen und auch Online-Medien anzuschauen. Aber es ist klar: Es ist doch viel interessanter, wenn man den Schiedsrichter in der Zeitung kritisieren kann. Ich habe noch kaum einen Artikel gelesen, in welchem der Schiedsrichter gelobt wurde.

Woran liegt das?

Kurmann: Eishockey ist und soll Unterhaltung sein. Das ist ein Spiel. Auch wenn das viele nicht gern hören, bin ich Teil einer Show. Dort sind wir meist nur im Scheinwerferlicht, wenn etwas Negatives passiert. Aber das gehört dazu. Es ist eben nicht interessant, wenn der Referee gut war. Das ist unser gesellschaftliches Denken.

In dieser Show gibt es auch viele Emotionen. Da muss man sich als Schiedsrichter einiges anhören…

Kurmann: Das stimmt. Aber Beleidigungen und Bedrohungen sollten nicht dazu gehören. Ich verstehe, wenn es Kritik gibt. Es ist emotional. Und das wir nicht immer dieselbe Meinung haben, ist selbstverständlich. Auch in diesem Moment ist konstruktive Kritik sehr gut. Aber emotionale oder aggressive Kritik bringt nichts. Nehmen wir den SCB-Captain Martin Plüss. Er motzt nie. Wenn er aber etwas sagt, nehmen wir das wahr. Wenn einer aber ständig ausruft, wird dieser Kritiker weniger ernst genommen und dann muss er entsprechend den Regeln und der Situation mit einer Strafe rechnen.

Sie sind bekannt als Schiedsrichter, der in Sachen Fouls eher mehr durchgehen lässt als andere. Wie sieht es mit solchen Provokationen aus?

Kurmann: Ich lasse nicht bewusst mehr Fouls durchgehen, ich beurteile vielleicht gewisse Situationen leicht anders. Das kommt immer sehr stark auf die Situation an. Entscheidend ist auch, ob sich der Spieler oder Trainer nur an mich wendet, oder ob mehr betroffen sind. Wenn einer fuchtelt und mit stürmischen Gesten die Fans aufhetzt, dann muss ich reagieren. Sonst sagen sofort alle, dass ich nicht reagiere, weil der Spieler im Recht ist. Wenn es aber ein Gespräch unter vier Augen ist, dann kann ich auch mal mit Worten zurückgeben.

Haben Sie denn auch schon mal einen Spieler verbal angegriffen?

Kurmann: Ich habe auch schon Spieler mit Schimpfwörter bedacht. Da bin ich nicht stolz drauf. Ich habe es nach der Partie gegenüber den Medien zugegeben und noch am gleichen Tag habe ich mich bei diesem Spieler telefonisch entschuldigt. Er hat mich damals provoziert und das ist mir dann rausgerutscht. Da fühlt sich der Spieler unfair behandelt. Denn er kann mir keine Strafe geben.

Die Schweiz gilt als ein Land, mit guten Schiedsrichtern. Und dennoch ist die Öffentlichkeit mit den Unparteiischen überhaupt nicht zufrieden. Was müsste anders laufen, damit es besser würde?

Kurmann: Die Liga, sprich die Clubs, müssten zum einen sicherlich mehr Geld sprechen, um eine noch grössere Professionalisierung anzustreben. In der Entwicklung des Eishockeys gab es einen extremen Schub. Technik, Schnelligkeit, die Physis der Spieler – alles wurde besser. Die Budgets der Clubs wurden immer grösser und der Stellenwert unserer Liga auch. Aber die Entwicklung der Schiedsrichter konnte nicht im gleichen Tempo schritthalten. Der Grossteil ist immer noch als Amateur tätig. Die Referees gehen einer geregelten Arbeit mit einem Pensum bis zu 100 Prozent nach und haben Familie. Im Schiedsrichterwesen ist der Aufwand mit Meetings, Analysen und Regeneration aber enorm. Das ist ein Kampf an drei Fronten während neun Monaten. Diese Strukturen zu verbessern und bessere Voraussetzungen zu schaffen: Dort haben wir Nachholbedarf.

Liegt das nur an den Clubs?

Kurmann: Wir sind auch ein bisschen selber schuld. Wir sind vielleicht schlechte Verkäufer. Wenn wir mehr Geld für bessere Strukturen wollen, dann müssen wir auch sagen wieso. Gerade unsere Off-Ice-Abteilung ist erst so richtig am Entstehen. Da ist ein Prozess im Gange.

Vielleicht wäre das etwas für Sie, sollten sie einmal einen Rücktritt in Erwägung ziehen…

Kurmann: ich würde mich sehr dafür interessieren, das Schiedsrichterwesen weiter voran zu treiben. Aktuell besuche ich gerade eine Schulung zum Thema Personal-Coaching. Etwas das mir später vielleicht weiterhelfen wird. Eine Tätigkeit, die mit dem Sport irgendwie in Verbindung steht, wäre aber schon ein Ziel. Das muss nicht einmal im Eishockey sein.

Wenn wir schon beim Thema sind: Was denken Sie, wie lange wollen sie noch als NLA-Schiedsrichter weiterpfeifen?

Kurmann: Wenn ich vom Rücktritt rede, werden sich einige wohl freuen (lacht). Andere finden aber auch, ich sollte noch etwas länger bleiben. Ich habe noch einen Vertrag für die nächste Saison und den möchte ich erfüllen. Was ich in zwei oder drei Jahren tun werde, das weiss ich noch nicht.

Mit einer Weltmeisterschaft können Sie die Karriere wohl nicht abschliessen, denn für die diesjährige in Prag wurden Sie bereits nicht mehr nominiert. Sind Sie enttäuscht?

Kurmann: Enttäuscht ist das falsche Wort. Ich hätte gerne an der WM teilgenommen, vor allem, weil es ein guter Abschluss meiner internationalen Karriere gewesen wäre. Das dürfte nämlich die letzte WM meiner Karriere sein, nun war es halt die vorherige. Aber ich freue mich umso mehr darauf, dass drei meiner jungen Kollegen gehen können, die noch eine ganze Karriere vor sich haben.

Welches ist aufgrund dieser Nichtnomination nun ihr Ziel für die laufende Saison?

Kurmann: Der Playoff-Final. Das ist genau gleich wie bei den Spielern. Auch die Schiedsrichter wollen ein Teil der Playoff-Finals sein.

Quelle: www.hockeyfans.ch